Überfälliger Frühjahrsputz im Vorsorgesystem

Ist das Schweizer Vorsorgemodell noch zeitgemäss oder ein Relikt aus vergangener Zeit? Heute stehen durchschnittlich 40 Einzahlungsjahre ca. 20 Bezugsjahren entgegen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren dies lediglich 3 Jahre.

Die Schweiz ist mit 7,9 Milliarden bezahlten Arbeitsstunden und durchschnittlich 42,24 Wochenarbeitsstunden an der europäischen Spitze. Dennoch sind die Renten, gerade in der aktuellen Zeit, alles andere als gesichert.

Was ist zu tun? Sind die Stellschrauben «Späteres Renteneintrittsalter», «Höhere Beiträge», oder «Absicherung über die Säule 3a»?
Schreibe uns deine Meinung in den Kommentar.

Überfälliger Frühjahrsputz im Vorsorgesystem

Wir sind ein emsiges Volk: 7,9 Milliarden bezahlte Arbeitsstunden haben wir letztes Jahr geleistet, wie das Bundesamt für Statistik dieser Tage meldete. Wer Vollzeit arbeitet, liegt mit einer Wochenarbeitszeit von 42 Stunden und 24 Minuten europaweit an der Spitze. Was hat das mit unserer Vorsorge zu tun? Viel. Denn der weitaus grösste Teil hängt direkt von unserer bezahlten Arbeitszeit ab.

Darin liegt gleichzeitig eines der Hauptprobleme unseres Vorsorgesystems. Es geht nämlich davon aus, dass wir vom ersten bis zum letzten Arbeitstag in unserem Leben ununterbrochen erwerbstätig sind, nie weniger als 100% arbeiten, immer bei derselben Firma angestellt sind, unser durchschnittliches Jahreseinkommen konstant über CHF 85 320 (Stand 2020) liegt und im letzten Berufsjahr am höchsten ist.

Klingt wie ein Lebensmodell aus einer anderen Zeit. Ist es auch. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts als sich die Schweiz vom Agrarstaat zur Industrienation wandelte und mit der AHV der Grundstein zum heutigen 3-Säulen-Modell in der Vorsorge gelegt wurde, entsprach es der Norm. Heute dagegen, wo wir längst ein Dienstleistungsland sind und die Lebensentwürfe und Arbeitsmodelle so bunt sind wie ein Frühlingsstrauss, ist es die grosse Ausnahme. Bezogen auf die Gesamtheit der Erwerbstätigen zählte die Schweiz 2019 mit 35 Stunden und 36 Minuten denn auch zu den europäischen Ländern mit der niedrigsten Wochenarbeitszeit, was am hohen Anteil an Teilzeitern liegt.

Im selben Zeitraum ist unsere Lebenserwartung stark gestiegen. Heute finanzieren wir mit etwas mehr als 40 Beitragsjahren durchschnittlich rund zwanzig Rentenbezugsjahre, anfänglich waren es durchschnittlich weniger als drei. Unser Vorsorgesystems bräuchte also dringend einen Frühjahrsputz. Zusätzlich eine individuelle dritte Säule aufzubauen, ist unerlässlich. Wohlwissend, dass die Säule 3a den Erwerbstätigen vorbehalten ist.

Nachdem die erste Vorlage zu einer umfassenden Vorsorgereform an der Urne gescheitert ist, liegen nun getrennte Reformvorschläge für die 1. und die 2. Säule vor. Die Stellschrauben sind dieselben: Länger arbeiten oder höhere Beiträge leisten. Die aktuelle Krise verstärkt den Druck auf den Reformprozess zusätzlich. Anhaltende Kurzarbeit und steigende Arbeitslosigkeit könnten die Lohnsumme zumindest vorübergehend sinken lassen. Für die AHV kommt dies zu einem ungünstigen Zeitpunkt, kämpft sie doch bereits damit, dass immer mehr Rentenbezügern immer weniger Beitragszahler gegenüberstehen.

Die Vorsorgevermögen haben zwar unter den herben Rückschlägen an den Kapitalmärkten im März gelitten. Hier darf die Momentaufnahme allerdings nicht mit dem langfristigen Anlagehorizont gleichgesetzt werden. Abgesehen davon könnte der Ausnahmezustand die Verhandlungen und damit die Umsetzung der laufenden Vorsorgereform verzögern. Wann immer es auch soweit ist: Emsig seine persönliche Säule 3a zu äufnen, bleibt so oder so wichtig.