Altersdiskriminierung

Die drei grössten Fehler im Vorsorgesystem (1) – Die Altersdiskriminierung in der 2. Säule

65,6 Jahre. Das war 2019 das durchschnittliche Alter beim Austritt aus dem Arbeitsmarkt, besagt die Statistik des BFS. Dies entspricht dem höchsten Wert seit Beginn der 1990er-Jahre. Gut für alle, die zu dieser Personengruppe gehören. Denn sie werden vermutlich eine lückenlose Erwerbsbiografie aufweisen und immer Vollzeit gearbeitet haben. Also ideale Voraussetzungen, um mit den Renten aus der AHV und der Pensionskasse sowie dem im Rahmen der 3. Säule angesparten Guthaben entspannt den 3. Lebensabschnitt zu gestalten.

Erwerbsquote nimmt vor der ordentlichen Pensionierung rasant ab

Diese komfortable Situation trifft allerdings auf einen immer kleineren Teil der Erwerbsbevölkerung zu. Denn die Erwerbsquote, also der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung, nimmt in den Jahren vor der ordentlichen Pensionierung rasant ab. Ein Jahr vor dem frühestmöglichen Bezug der Pensionskassenrente, also mit 57 Jahren, waren 2019 noch hohe 91 Prozent der Männer beruflich aktiv, während es bei den Frauen nur noch 81 Prozent waren. Bei den 64-jährigen Männern betrug die Erwerbsquote dagegen gerade mal 52 Prozent und bei den 63-jährigen Frauen lediglich noch 46%.

Erzwungene statt freiwillige Frühpensionierung

Der vorzeitige Rückzug aus dem Erwerbsleben dürfte in den wenigsten Fällen aus freien Stücken erfolgen. Denn eine Frühpensionierung muss man sich leisten können. Vielmehr spiegelt die beschriebene Entwicklung die Arbeitsmarktsituation der über 50-Jährigen. Wer in diesem Alter seine Stelle verliert, hat es schwer, im Berufsleben nochmals Fuss zu fassen.

Denn Arbeitgeber haben meist Vorbehalte gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern jenseits der 50. Weniger belastbar, zu unflexibel, technisch im Rückstand und zu teuer, sind gängige Vorurteile. Offen sagen würde das natürlich keiner. «Überqualifiziert» ist in solchen Fällen die gängige Standardabsage. Paradoxerweise sind es vielfach dieselben Firmen, die einen Fachkräftemangel beklagen.

Sicher: Langjährige Berufs- und Lebenserfahrung hat ihren Preis. Meist überlassen ältere Mitarbeitende Führungsverantwortung aber gerne jüngeren und nehmen so auch eine entsprechende Lohneinbusse in Kauf. Dagegen weisen die betreffenden Mitarbeitenden eine höhere Firmentreue auf, was wiederum die Rekrutierungskosten tief hält.

Je älter die Mitarbeitenden desto höher die BVG-Sparbeiträge

Insbesondere scheuen Arbeitgeber aber die höheren Pensionskassensparbeiträge für ältere Stellenbewerberinnen und -bewerber. Im Rahmen des BVG-Obligatoriums, also für den Lohnanteil zwischen 21 510 und 86 040 Franken (koordinierter Lohn, Stand 2021), staffelt der Gesetzgeber nämlich die Sparbeiträge nach Alterskategorien.

Sparbeiträge BVG-Obligatorium

Die Erwerbsquote spiegelt die Zahl der erzwungenen Frühpensionierungen deutlich. Für die Versicherten kommt die unfreiwillige Frühpensionierung einem abrupten Baustopp in der 2. Säule gleich, fehlen ihnen doch so wertvolle Beitragsjahre. Hier hat der Gesetzgeber nun Partei für die Versicherten ergriffen und den Arbeitgebern auferlegt, dass sie Arbeitnehmenden, denen sie nach 58 kündigen, auf Antrag seit 1.1. 2021 die freiwillige Weiterversicherung in der 2. Säule ermöglichen müssen.

Mit 3. Säule für die Weiterversicherung in der 2. Säule vorsorgen

Allerdings müssen sich die Betroffene bewusst sein, dass sie dann die Sparbeiträge zu 100% übernehmen müssen und nicht nur wie bis anhin ihren Arbeitnehmeranteil. So sind aber Rückzahlungen von Vorbezügen für die Wohneigentumsförderung und Einkäufe weiterhin möglich. Im Vorteil ist hier, wer sich im Rahmen der 3. Säule ein Vermögen aufgebaut hat, das er dafür einsetzen kann. So können Betroffene ihre Rentenleistung in der 2. Säule verbessern, während das Vermögen der 3. Säule im Alter nur in Kapitalform zur Verfügung steht.

Statt einer abrupten Frühpensionierung lässt sich mit fortschrittlichen Arbeitgebern gegebenenfalls auch ein flexiblerer Übergang vereinbaren, was beiden Seiten entgegenkommen würde. Denn dass der Gesetzgeber für das BVG-Obligatorium analog zur AHV einen altersunabhängigen, einheitlichen Beitragssatz einführt oder die Staffelung der Beitragssätze den Gegebenheiten des Arbeitsmarkts anpasst, ist bis auf Weiteres unwahrscheinlich.